Prof. Dr. Christfried Tögel

Vom 2. bis 7. September 1907 fand in Amsterdam ein "Internationaler Kongress für Psychiatrie, Neurologie, Psychologie und Irrenpflege" statt. Auf diesem Kongress hielt der Begründer des Krankenhauses Uchtspringe – Prof. Konrad Alt – einen Vortrag, in dem er sich scharf gegen die psychoanalytische Behandlungsmethode wandte. Unter den Zuhörern war ein Mann namens C.G.Jung. Nach seiner Rückkehr nach Zürich berichtet Jung am 11. September 1907 in einem Brief an Sigmund Freud von seinen Eindrücken auf dem Amsterdamer Kongress und schreibt er u.a.:

"Sodann hat Alt aus Uchtspringe den Terrorismus gegen Sie verkündet, dass er nämlich niemals einen Patienten einem Ärzte Freudscher Gesinnung zur Behandlung überlassen werde ..."
 
Ein Jahr später ist Freud in England und beschließt auf der Rückreise seine Schwester Maria und seinen Schüler Karl Abraham in Berlin zu besuchen. Er nimmt die Fähre von Harwich und setzt über den Ärmelkanal nach Hoek van Holland. Von dort fährt Freud mit dem Zug über Osnabrück, Hannover, Wolfsburg, Oebisfelde, Gardelegen – und Sie ahnen es schon – Uchtspringe weiter nach Berlin. Er passiert den Bahnhof hier am Nachmittag des 16. September 1908.

Ob Freud sich an Jungs Bericht erinnert hat wissen wir nicht. Wahrscheinlich hat er nicht einmal bemerkt, dass er durch Uchtspringe gekommen ist.

Weswegen erzähle ich Ihnen das? Natürlich einmal, weil Uchtspringe in Freuds Leben keine herausragende Rolle gespielt hat und es mir schwerfällt, die wenigen Anknüpfungspunkte zu diesem Krankenhaus unerwähnt zu lassen. Der zweite Grund hat direkt mit der heute zu eröffnenden Ausstellung zu tun: Auf der Eisenbahnfahrt, die Freud durch Uchtspringe führte, befand sich in seinem Gepäck ein beidseitig eng mit Notizen beschriebenes Blatt. Er hatte diese Notizen 3 Tage zuvor bei einem Besuch in der National Portrait Gallery in London angefertigt und ihnen die Überschrift gegeben: „Bemerkungen über Gesichter und Männer". Dieses Manuskript ist nun zum zweiten Mal in Uchtspringe: Sie werden es neben anderen Dokumenten in unserer Ausstellung finden.

Sie werden auch das Privileg haben, Gegenstände zu sehen, die sie nirgendwo sonst in der Welt sehen können, auch nicht im Freud Museum in London. Dazu gehört Freuds Ehering und sein Mantel, zwei Kieferprothesen, zwei Briefe und vorbereitenden Notizen zu seinem Buch „Jenseits des Lustprinzips".

Ich möchte im Zusammenhang mit der Eröffnung nachher ein Bitte aussprechen: Die Ausstellung befindet sich in Räumen, die im Prinzip nicht für diesen Zweck gedacht sind und nicht sehr vielen Personen gleichzeitig Platz bieten. Ich möchte deshalb alle Uchtspringer bitten, den Gästen von auswärts den Vortritt zu lassen und u.U. die Ausstellung innerhalb der nächsten vier Wochen zu besuchen, falls die Zeit dazu bis zum Beginn des Empfangs nicht ausreicht.

Die Ausstellung wäre nicht möglich gewesen ohne die großzügige finanzielle Unterstützung der Salus gGmbH, der Trägergesellschaft dieses Krankenhauses, und zahlreicher weiterer Firmen. Sie ist eine Gemeinschaftsveranstaltung des Freud Museums in London, des Sigmund-Freud-Zentrums des Fachkrankenhauses Uchtspringe und des Fördervereins Psychiatrie in Geschichte und Gegenwart. Dafür sei allen herzlich gedankt!

Mit der Erwähnung des Fördervereins Psychiatrie in Geschichte und Gegenwart kann ich zum nächsten Tagesordnungspunkt überleiten. Dieser Verein hat nämlich vor einem Monat einen Ehrenvorsitzenden gewählt: Einen Mann, der sein ganzes Leben der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse gewidmet hat: Herrn OMR Prof. Dr. med. habil. Harro Wendt. Ihm ist es zu verdanken, dass psychoanalytische Behandlungsverfahren Eingang in das therapeutische Repertoire des Krankenhauses Uchtspringe gefunden haben.

Ich möchte nun Herrn Dr. Lischka bitten, die Ernennungsurkunde an den Ehrenvorsitzenden zu überreichen.


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