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Sigmund Freud war grade 10 Jahre alt zur Zeit der Schlacht von Königgraetz. Scheinbar hat er die Niederlage den Preußen nicht übelgenommen, denn 50 Jahre später wanderte die Hälfte seiner Kinder nach Deutschland aus. Aber bevor ich anfange über meinen Großvater zu erzählen, möchte ich Ihnen einige Daten über mich geben um meine Geschichte verständlicher zu machen. Das soll nicht bedeuten dass ich in irgendeiner Weise wichtig bin oder mich so fühle. Es soll nicht so sein wie in Frankreich, wo ich nach meinem Namen gefragt wurde. Als ich sagte "Freud", war die Antwort: "Ah, sie sind ja sehr berühmt hier, tre celebre, sie haben den Kaltwasserhahn erfunden." Ich wurde vor 80 Jahren in Wien im April 1921 geboren als der Großvater 65 Jahre alt war. Wie Sie sicherlich Alle wissen, hat sein durch Zigarrenrauchen hervorgerufener Mundkrebs im Jahre 1923 angefangen. Das heißt, dass ich meinen Großvater nur als kranken Mann kannte. Ich kann mich erinnern ihn im Krankenhaus zusammen mit meinem Vater nach einer seiner vielen, ich glaube 33, Operationen besucht zu haben. Er sah damals sehr alt und krank aus. Mein Vater, Dr. Jean Martin, genannt nach Großvaters Lehrer Charcot, war der älteste Sohn, so wie ich es bin. Ich habe einige moderne Filme über meinen Großvater gesehen. Die Schauspieler die ihn spielten hatten immer eine normale Figur. In Wirklichkeit war aber der Großvater so dünn wie eine Bohnenstange. Seine Anzüge haben auf ihm geschlottert, da er fast nicht als dünne Suppe essen konnte. Das Essen und auch das Sprechen waren für ihn sehr schwierig und qualvoll. Der obere Teil seines Mundes war ja durch eine Prothese ersetzt. Glücklicher Weise brauchen Psychoanalytiker nicht viel sprechen, sie müssen nur gut zuhören können! Der Großvater hatte zwei Ärzte die auf ihn aufpassten. Dr. Max Schur war sein Hausarzt, der ihn die ganze Zeit behandelte. Sein Chirurg was Dr. Hans Pichler, der sich nach dem Anschluss als ein sehr eifriger Nazi entpuppte. Nichtsdestoweniger berichtete Schur, ein Jude, dass Pichler den Großvater immer mit größtem Respekt, Takt, Höflichkeit und Freundlichkeit behandelt hatte. Dasselbe freundliche Benehmen wurde Dr. Schur zugeteilt. In September 1938, also nach der Emigration, kam Pichler nach London um noch eine letzte Operation zu unternehmen. Nach dieser war es nicht mehr möglich, noch etwas wegzuoperieren. Es ist traurig dass so ein feiner und begabter Mensch wie Dr. Pichler sich so ganz zu den Nazis bekehrte. Bei der Entnazifizierung nach dem Krieg hat Pichler die Behandlung von Großvater als mildernde Umstände seiner Tätigkeit angegeben. Er starb 1949, im Alter von 72 Jahren. In September 1939, als Großvater starb, war ich 18 ein halb Jahre alt. In England hatte ich ihn, weil ich studierte, viel seltener als in Wien gesehen. In Wien lebten wir am Franz-Josephs Kai, etwa 5-10 Minuten entfernt von der Berggasse, wo er lebte. Einer der größten Unterschiede der Lebensweise zwischen Wien und London sind die Entfernungen. In Wien war Alles nah. Alle Verwandten und Freunde konnte man leicht zu Fuß besuchen. In London brauchen solche Besuche Stunden mit dem Auto oder der Bahn. Wenn mein Vater zu Mittag nach Hause ging, und sein Büro war nur ein paar Minuten von uns weg, im Gebäude der Börse, dann besuchte er zuerst seinen Vater und erst dann kam er zu uns. Am Abend hat er wieder seinen Vater besucht, er war ein besonders anhänglicher Sohn. Er scheint sich wohler in der Berggasse als in seiner eignen Wohnung gefühlt zu haben. Die Berggasse war, wie der Name sagt, eine steile Straße die vom Donaukanal hinauf führte. Großvater lebte im unteren Teil dieser Gasse. Es war eher eine schäbige Gegend, aber ganz Wien war nach dem ersten Weltkrieg ziemlich verwahrlost. Am unteren Ende der Berggasse beim Donaukanal war der Tandelmarkt, ein sehr heruntergekommener Flohmarkt. Man ist dort nicht stehengeblieben. An dieser Stelle steht jetzt eine große Versicherungsanstalt. Daneben war eine Kaserne, ich glaube die größte in Wien, die es noch gibt. Das Haus Nummer 19 war sehr altmodisch, ohne Aufzug, und es ist in der Zwischenzeit auch nicht modernisiert worden. Für Großvater war es fast wie ein Gefängnis. Die Stufen im Stiegenhaus waren für ihn zu steil so dass das Ausgehen mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Im Sommer hat er sich immer eine Villa in den Vororten beim Wienerwald gemietet. Ich kann mich noch besonders gut an die Villa in Grinzing, in der Strassergasse, erinnern. Ich glaube sie war später die Wohnung von einen hohen Nazi-Boss, möglicherweise von einem Gauleiter. Es war nicht leicht zu verstehen warum der Großvater nicht emigrierte. Seine Patienten hätten ihn auch in einer mehr praktischen Wohnung gefunden, wie zum Beispiel New York East 85th street. Aber Wien war seine Heimat und freiwillig verlässt man seine Heimat, wo die Verwandten und Freunde leben und wo man seine Wurzeln hat, nicht so leicht. Vor dem ersten Weltkrieg hat der Oberst Redl, der Chef der Österreichischen Spionage, der aber für Russland spionierte, gegenüber von Großvater in der Berggasse gewohnt. Die Berggasse 19 war nicht Großvaters erste Wohnung. Er ist dort erst im September 1891 eingezogen, also als mein Vater 2 Jahre alt war. Die erste Familienwohnung war im Sühnhaus in der Maria-Theresien-Straße. An der Stelle dieses Hauses stand einmal das Ringtheater. In Jahre 1881, bei einer Aufführung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen", in der Szene wo die Studenten um ein Lagerfeuer herumsitzen, damals ein wirkliches Feuer, fing das Theater zu brennen an. Es war mit Gas beleuchtet, welches abgedreht wurde. In der Finsternis brachte eine Panik aus, bei der sehr viele Leute, 384, ums Leben kamen. Seit dieser Zeit gibt es in allen Theater einen eisernen Vorhang, der vor jeder Aufführung ausprobiert werden muss. Der Kaiser Franz-Joseph baute an der Stelle des Theaters das sogenannte Sühnhaus. Die Wohnungen in diesen Haus waren aber schwer zu vermieten und daher billig. Großvater war nicht abergläubisch und ist dort nach seiner Hochzeit in 1886 eingezogen. Seine Tochter Mathilde war das erste Kind, welches im Sühnhaus geboren wurde und der Kaiser hatte der Familie ein diesbezügliches Telegramm geschickt. Aberglaube oder nicht, im zweiten Weltkrieg wurde das Haus von Bomben getroffen und existiert nicht mehr. Es war Brauch, dass wir, meine jüngere Schwester Sophie und ich, die Großeltern an Sonntagen besuchten. Wir wurden gestiefelt und gespornt, und so gegen Mittag nahm uns unser Fräulein Amalie Schober in die Berggasse. Später konnten wir natürlich auch alleine gehen. Gewöhnlich waren an Sonntagen noch andere Gäste anwesend, zum Beispiel Onkel Alexander, Großvaters Bruder und Alexanders Sohn Harry, Tante Mathilde, die älteste Schwester meines Vaters und ihr Mann Robert Hollitscher, Lilly, eine Tochter von Freuds Schwester und noch andere Verwandte. Einmal war eine Dame, ein jüdischer Flüchtling aus Deutschland, eingeladen. Sie stand am Fenster und sah eine Truppe von österreichischen Soldaten in der Berggasse vorbeimarschieren. Da sagte sie zur Großmutter: "Aber unsere SA marschiert besser!" Das ist ein gutes Beispiel wie deutsch sich die deutschen Juden gefüllt hatten. Die Großmutter, Tante Anna, Vaters jüngste Schwester und Tante Minna, Großmutters Schwester, waren natürlich immer anwesend. Um eins kam der Großvater aus seinem Arbeitszimmer, er arbeitete jeden Tag; er brauchte nur eine Tür zu öffnen um vom Ordinationszimmer in die Privatwohnung zu kommen, er brauchte nicht stundenlang zu pendeln. Er begrüßte und sprach mit seinen Gästen, besonders mit uns Kindern, und bald darauf brachte Paula die Suppe aus der Küche. Großvater hatte, wie schon erwähnt, Schwierigkeiten mit dem Essen, und mochte keine Zuschauer, für die es auch peinlich gewesen wäre. Taschengeld wurde verteilt, unser Fräulein dabei nicht vergessen, und wir nahmen unseren Abschied. In den letzten Jahren, als ich schon etwas erwachsener war, 16 oder 17 Jahre alt, besuchte ich die Berggasse auch manchmal alleine, nach dem Nachtmahl. Großvater hatte eine Kartenpartie, zu der auch mein Vater gehörte. Sie spielten "Königsrufen" eine Art Tarock. Der Ansager hat als Partner den, der den gerufenen Koenig besitzt. Ich durfte kiebitzen, hätten wir länger in Wien gelebt, dann hätte ich große Hoffnungen gehabt ein Mitglied dieser Kartengesellschaft zu werden. Obwohl vieles von dem Folgenden Ihnen bekannt sein dürfte, möchte ich etwas über die anderen Familienmitglieder sagen. Die Großeltern hatte sechs Kinder, 3 Buben und 3 Mädel innerhalb von 8 Jahren. Die arme Großmutter! Die älteste war Mathilde, sie heiratete Robert Hollitscher. Sie war, wie viele Erstgeborenen in großen Familien, sehr herrisch und anspruchsvoll. Sie war eine sehr gute und kluge Geschäftsfrau. Ihr österreichisches Dienstmädchen, Ernestine Maresch, die mit ihr nach England ausgewandert war, starb erst vor kurzem in London. In ihrer Jugend hatte meine Tante eine Blinddarmentzündung. Wegen der notwendigen Operation konnte sie keine Kinder haben. Ihr Mann war ein Kaufmann der Honig und Seide nach Wien importierte. In Wien verbrachte er die meiste Zeit damit, im Kaffeehaus Schach zu spielen. Zu jener Zeit scheint Kaffeehaussitzen die Hauptbeschäftigung der Wiener Bourgeoisie gewesen zu sein. Er war ein schrecklicher Pessimist, der immer das schlechteste voraussagte. Als der Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet wurde, hat Onkel Robert prophezeit: " Das heißt Krieg und Österreich wird ihn verlieren". Als Hitler in Deutschland die Macht ergriff, sagte er: " Er kommt auch nach Österreich!" Großvater sagte: "Wir leben wirklich in einer schrecklichen Zeit in der Onkel Robert immer recht hat." Mein Vater war das nächste Kind. Von den 6 Kindern hatte er am meisten an seinen Eltern gehangen. Er war als einjähriger Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, zuerst an der russischen, später an der italienischen Front. Er bekam einige hohe Auszeichnungen. In Österreich hatte er ein sehr gutes und angenehmes Leben. Sein Vater hat ihm die berufliche Laufbahn leicht gemacht. In Winter fuhr er Ski, und er hat mich einige Male mitgenommen. Ich kann mich gut an Davos, die Tauernpasshöhe, die Schmittenhöhe und noch an andere Orte erinnern. Er war ein begeisterter Skiläufer. Im Sommer ging er Faltbootfahren. So ein Boot ist in 3 Rucksäcken zerlegbar und gleicht einen Eskimokajak so dass es wasserfest ist. Auch zu solchen Ausflügen wurde ich manchmal mitgenommen. Seltsamer Weise scheint es keine Faltboote mehr zu geben, ich weiß nicht warum. In England hatte mein Vater Schwierigkeiten. Sein österreichisches Jurastudium war in England unbrauchbar. Er war am Ende des Krieges 56 Jahre alt und sein ganzes Leben lang an die Hilfe seines Vaters gewöhnt. Seine mehr aktiven Geschwister Mathilde, Anna und Ernst haben ihn, meiner Meinung nach, nicht sehr geholfen. Er versuchte einige Sachen, nicht mit großem Erfolg, hatte aber trotzdem ein angenehmes Leben in einen schönen Teil von London. Er starb, wie seine Brüder, im Alter von 78 Jahren. Nach Martin kam wieder ein Sohn, Oliver. Er war nach Oliver Cromwell genannt, dem englische Staatsmann der im 17. Jahrhundert die Juden wieder nach England hereinkommen ließ. Wenn das nicht prophetisch war, dann weiß ich nicht was prophetisch ist! Ich kannte Onkel Olli kaum. Er lebte in Berlin, später in Paris, Nizza, und Amerika. Ich habe in nur ein paar Mal in meinen Leben getroffen. Er hatte ein großes Unglück mit seiner Tochter Eva. Er und seine Frau sind von Frankreich nach Spanien über die Pyrenäen geflohen. Der erste Versuch scheiterte. Beim 2. erfolgreichen Versuch wollte die Tochter nicht mehr mit, sie wollte in Frankreich bleiben. Sie lebte in Nizza, welches damals unter italienischer Verwaltung stand. In 1944 hat meine 20-jährige Cousine eine Blutvergiftung bekommen, an der sie NACH der Befreiung Nizzas gestorben ist. Sie war das einzige Kind. Onkel Ernst, den nächsten Sohn, konnte man wirklich den Glücklichen nennen. In der österreichischen Armee im ersten Weltkrieg hatte er eine Stellung als Lehrer in der Artillerieschule in Triest. Er war damals Anfang zwanzig. Nach dem Krieg studierte er Architektur in München. Das war zur selben Zeit als Hitler dort anfing. Er fand ein sehr reiches, bildschönes, gescheites und nettes Mädchen, das er heiratete und die ihm bald drei Buben gebar. Einer von diesen Cousins ist der bekannte Maler Lucian Freud. Ernst war einer der Ersten, der von Berlin schon in 1933 nach England auswanderte. Dort wurde er ein angesehener Architekt und starb im Alter von 78 Jahren. Als wir Österreicher in Mai-Juni 1938 in England eintrafen hat er und seine Frau, Tante Lucie, uns Allen sehr geholfen. Ich habe sogar einige Zeit bei ihnnen gelebt. Als wir aus Wien emigrierten, waren wir eine große Reisegesellschaft: Die Großeltern, Tante Anna und Tante Minna, Dr. Stroß, Großvaters Doktor, da Dr. Schur in Wien mit einer Blindarmenzündung bleiben musste, das Dienstmädchen Paula Fichtl, die 2 Hollitschers mit ihren Dienstmädchen Ernestine Maresch, mein Vater und ich, (Meine Mutter und Schwester waren in Paris geblieben), mein Cousin Ernst Halberstadt, Onkel Alexander mit Frau und Sohn, also mindestens 15 Personen, und ich habe sicherlich einige vergessen. Onkel Ernst hat Alles getan um uns in England einzuführen. Er selbst hatte ja einen 4 einhalbjährigen Vorsprung. Wir hatten noch einen anderen Verwandten in England, den 1909 aus Hamburg eingetroffenen Cousin meiner Großmutter, Oskar Philipp. (Großmutters Mutter und Oskars Vater waren Geschwister.) Dieser wurde grade noch vor dem ersten Weltkrieg eingebürgert und machte eine große Karriere in England. Zu dieser Zeit war er Vorsitzender der Londoner Metallbörse. Was aber die Hilfe für die neuangekommenen Verwandten betraf war diese zu einen Mittagessen begrenzt zu der großen Enttäuschung meines Vaters. Nach Ernst kam eine Tochter, Tante Sophie. Ich kannte sie nicht da sie noch vor meiner Geburt im Jahre 1920 an der spanische Grippe in Hamburg starb. Sie war damals schwanger mit ihren dritten Kind, und alle schwangeren Frauen die von der spanischen Grippe heimgesucht wurden starben an ihr. Man sagte, dass sie die Lieblingstochter von Großvater gewesen war. Sie heiratete einen entfernten Hamburger Verwandten, Max Halberstadt. Sie hatten 2 Söhne, einer davon, Wolfgang Ernst, ist jetzt 87 Jahre alt und lebt in Heidelberg. Der andere, Heinz starb jung. Das letzte Kind der Großeltern war Tante Anna. Sie wurde das wichtigste und die wissenschaftliche Erbin von Großvater. Ich werde über sie noch sprechen. Gewöhnliche Kaiser und Könige haben nur einen Hof, aber Großvater hatte zwei. Es gab eine Überlappung, besonders privilegierte Teilnehmer des einen Hofes konnten auch dem anderen Hof angehören, aber im großen und ganzen hatten die zwei Höfe separate und distinktive Identitäten. Der erste Hof war der psychoanalytische. Da ich kein Psychoanalytiker bin, kann ich nicht die Namen und Wichtigkeit der verschiedenen Höflinge aufzählen. Ich bin sicher dass Sie die Nahmen der meisten gut kennen, angefangen von Joseph Breuer, Alfred Adler, Max Kahane, Wilhelm Stekel und so weiter. Das war um die Jahrhundertwende herum, lange vor meiner Zeit. Apropos, der Enkel von Joseph Breuer, Georg Breuer, diente mit mir in derselben englischen Armeeeinheit. Mit Ausnahme von Ernest Jones kannte ich keinen. Seltsamer Weise war die 2. Ehefrau von Dr. Jones, Katherina, eine Patientin von meiner Tochter Ida Fairbairn. Mein Vater, der damals der Direktor des Internationalen Psychoanalytischen Verlag war, wusste natürlich über die Tätigkeiten dieses Hofs genau Bescheid und diskutierte darüber am Mittagstisch. Ich hatte als Teenager andere Interessen, ich kann mich nur an wenig erinnern. Aber Carl Gustav Jung hatte bei uns keine gute Presse! Der zweite Hof gehörte zu Großvaters Privatleben. Man braucht kein Galileo zu sein, um zu bemerken daß dieser auch um Großvater kreiste. Ich will nur die Personen erwähnen die ich persönlich gut kannte. Der erste Stern dieses Hofes war die Großmutter. Sie hielt die große Familie zusammen. Einige Biographen von Großvater, nicht aber Ernest Jones, wiesen Großmutter ab als 'nur eine Hausfrau'. Sie war nur eine Hausfrau, sie hat sich nie in die Theorien ihres Mannes eingemischt, aber ohne sie hätte der Großvater nicht die Zeit oder Gelegenheit gehabt, sein Werk in Ruhe zu entwickeln. Die Wohnung in der Berggasse hatte 12 Zimmer. Elf Leute haben dort gewohnt, die Großeltern, Tante Minna, 6 Kinder und mindestens 2 Dienstboten. Alles das wurde von der Großmutter geführt und organisiert, so dass der große Haushalt wie am Schnürchen lief. Der Großvater hätte keine Zeit gehabt seine Bücher zu schreiben, wenn er sich mit häuslichen Pflichten beschäftigen hätte müssen. (Sigi, du hast wieder vergessen die Gemüserechnung zu bezahlen, und wir brauchen ein neues Regal in der Küche!) Großmutter war nur eine Hausfrau, aber eine ganz unentbehrliche für die Geburt der Psychoanalyse. Das nächst Mitglied des Privathofes war Tante Anna, die später auch zum ersten Hof gehörte. Wie Tausende von anderen weibliche Babys hatte sie ihr Geburtsdatum, Dezember 1895 schlecht ausgesucht. Als sie in dem Alter war, sich nach einem Mann umzuschauen, vielleicht einen Freund von ihren 3 Brüdern, hatten diese anderes zu tun als an Heirat zu denken. Die ganze männliche Jugend Österreichs war im Krieg, von dem sehr viele nicht zurückkehrten. Mein Vater hat mir erzählt wie viele von seinen Freunden gefallen waren. Einer war sein bester Freund, mit dem er immer vor dem Krieg Skilaufen gegangen war und der ihm einmal bei einen Unfall das Leben gerettet hatte. Die arme Tante Anna wurde Lehrerin, blieb zu Hause und wurde mehr und mehr von ihren Vater beansprucht. Als ich sie kennenlernte, war sie Ende dreißig, und ich hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr auf eine Heirat erpicht war. Ihr ganzes Leben war ihrem Vater gewidmet, als Sekretärin, Krankenschwester, Schülerin und Erbin. Mein Vater, der ergebene Sohn, war das nächste Mitglied des Privathofes. Wie ich schon erwähnte habe, war er sehr von seinem Vater abhängig. Er hätte nie etwas gegen eines Wunsch von Papa getan. Seine zwei Brüder sind dem heimatlichen Nest entflohen, wahrscheinlich um dem starken Einfluss von Papa zu entgehen. Der Vater dachte nicht daran. Er hing viel zu sehr an seinen Eltern. Das nächste Mitglied des Privathofes war Tante Minna, die jüngere Schwester der Großmutter. Ich hatte kein persönliche Verhältnis zu ihr. Im Gegensatz zu ihrer Schwester hatte sie, zu meiner Zeit, ihre gute Figur verloren. Sie schien nicht sehr nützlich zu sein und war sehr mit ihrer Kakteensammlung beschäftigt. Sie muss trotzdem ihren Nutzen gehabt haben, denn sonst hätte die Großmutter sie nicht in der Berggasse geduldet. So weit ich mich erinnere, hab ich nie ein ernsthaftes Gesprüch mit ihr geführt. Großvaters jüngerer Bruder, dem er sehr nahe stand, Onkel Alexander, war eine zu starke Persönlichkeit, um ein guter Höfling zu sein. Ein Höfling darf keine eigene Meinung haben. Alexander hatte eine Zeitung gegründet, den Tarifanzeiger, der die Kosten und die besten Wege der Güterbeförderung angab. Wollte jemand Schienen von Österreich nach Russland schicken, oder Getreide von Amerika nach Hamburg, so fand er die Kosten in dem Tarifanzeiger. Holz von Russland nach Ägypten, Salz von Salzburg nach Tibet, Pelze von Kanada nach Kapstadt, eine Droschke vom Stephansplatz bis zum Prater, Alles stand in dem Tarifanzeiger. Die Burlingham Familie gehörten auch zum Privat-Hof, insbesondere die Mutter, Dorothy. Sie waren reiche Amerikaner, deren Mann Selbstmord verübt hatte. Sie suchten Hilfe beim Großvater, und um immer in seiner Nähe zu sein, zogen sie auch in Berggasse 19 ein. Dorothy und Tante Anna blieben ihr ganzes Leben Freunde und nach dem Tod der Großmutter in 1951 lebten beide in Maresfield Gardens, Großvaters Londoner Heim. Dieses ist jetzt das Freud Museum. Durch den persönlichen Hof hatte Großvater 4 Frauen die sich um ihn sorgten und kümmerten. Es waren die Großmutter, seine Schwägerin Tante Minna, seine Tochter Anna und Paula Fichtl, das langjährige Dienstmädchen das noch mit uns aus Wien gekommen war. Wenig Männer haben das Glück so gut aufgehoben zu sein! Die Großmutter, Frau Professor, war mein liebstes Familienmitglied und ich verstand mich mit ihr sehr gut. Ich glaube auch, dass ich ihr sehr nahe stand. Sie hatte ja nur 3 ihrer Enkel in Wien, die anderen 4 lebten im Ausland. Ein oder zwei mal im Jahr ging die Großmutter mit mir einkaufen in das große Kaufhaus Neumann in der Kärntner Straße, es existiert nicht mehr. Ich bekam wie eine Braut eine neue Garnitur. Das wichtigste Kleidungsstück waren die Lederhosen. Jeder Schulbub war sehr stolz auf seine Lederhosen, und ich war keine Ausnahme. Als ich in 1994, vor 7 Jahren, zum ersten Mal wieder Wien besuchte war ich erstaunt dass es keine Lederhosen mehr gab. Diese waren ein besonders zweckmäßiges Kleidungsstück, speziell für junge Burschen. Die Großmutter nahm kein Blatt vor den Mund, wenn ihr etwas nicht passte, dann sagte sie es gleich und ohne rancour. Man wusste genau wie man mit ihr stand. Als Großvaters Mutter noch lebte, sie starb erst in 1930 in hohem Alter, fand das sonntägliche Familientreffen bei ihr statt. Ich kann mich noch recht gut an sie erinnern, ich war 9 Jahre alt. Sie lebte in einer dunklen Wohnung, ich weiß nicht mehr wo, aber höchstwahrscheinlich im 2., im jüdischen, Bezirk. An Besuchstagen war sie von 4 ihrer 5 Töchter umgeben, wie eine Henne von ihren Küken. Die nichtanwesende Tochter Anna, die älteste Schwester von Großvater, war nach Amerika ausgewandert, als Gattin des Bruders von der Großmutter. Die 4 anderen sind nicht ausgewandert, und wurden während des Krieges in Vernichtungslagern ungebracht, so wie meine mütterliche Großmutter Ida Drucker. Eine von diesen hatte ihren einzigen Sohn im ersten Weltkrieg an der italienischen Front verloren. Aber auch das hat ihr nicht geholfen. Die Tochter der dritten Schwester Großvaters, namens Marie, genannt Mitzi, wurde auf eine recht ungewöhnliche Art berühmt. Mitzi heiratete einen entfernten Verwandten Moritz Freud. Sie lebten in Berlin, wo er Teppichhändler war und einer seiner Teppiche bedeckte die Couch von Großvater. Mitzi und Moritz hatten 2 Töchter, die jüngere hieß Lilly, geboren im November 1888. Sie heiratete den Schauspieler Arnold Marle in Juli 1918. Vor ihrer Heirat was sie mit dem Berliner Librettisten Hans Leip befreundet. Im Jahre 1915 wechselte sie das Objekt ihrer Zuneigung von Leip zu Marle, ihrem zukünftigen Mann. Leip war sehr getroffen und enttäuscht, und um sich zu rächen schrieb er sein später sehr bekanntes Soldatenlied, Lilly Marleen. vor dem Großen Tor stand eine Laterne und stand sie noch davor. usw.
Im Gegensatz zu den vier ermordeten Schwestern ging es Anna Bernays der Ältesten, sehr gut in Amerika. Wie schon gesagt, hatte sie den Bruder von der Großmutter geheiratet, Eli Bernays. Eli war in Wien nicht erfolgreich gewesen, und um 1890 herum wanderte er nach Amerika aus. Großvater hat von seinen Freunden Geld gesammelt, um die Auswanderung zu ermöglichen. In Amerika wurde er sehr erfolgreich, aber sein Sohn Edward, noch in Wien geboren, überflügelte ihn. Edward wurde der Begründer von Public Relations, und war sehr erfolgreich, berühmt und reich. Er war sehr hilfsbereit und hat immer seiner Familie beigestanden. Zum Beispiel, als meine Schwester Sophie in der Kriegsm, nach einer sehr langen und abenteuerlichen Emigration in Amerika ankam, zahlte Edward für ihr Studium in einer der besten amerikanischen Universitäten. Das heißt, dass er sich so ganz anders als Oskar Philipp benommen hat! Ich weiß nicht ob ich ähnlich großzügig gegenüber einer Tochter eines Cousins sein würde! Edward starb in hohen Alter von 104 Jahre und im Alter von 100 Jahren hat ihn noch seine Haushälterin wegen sexueller Belästigung verklagt. Lucky man! Die Hauptfesttage der Familie waren die Geburtstage, besonders Großvaters Geburtstag, da wir weder die jüdischen noch die christlichen Festtage feierten. Wir hatten aber fast immer einen Weihnachtsbaum für das christliche Hauspersonal. Ich kann mich noch an Großvater 70., 75. und 80. Geburtstag erinnern, am 6. Mai 1926, 1931, und 1936, aber sie sind alle in meiner Erinnerung vermischt. Es gab immer viele Blumen, Geschenke und Gäste. Es war bei so einer Gelegenheit dass ich meine erste Ananas sah. Im Jahre 1926 füllte die Neue Freie Presse, Österreichs beste Zeitung, eineinhalb von ihren 20 Seiten mit Artikeln über meinen Großvater. Über kein anderes Geschehnis wurde ähnlich umfangreich berichtet. Professor Paul Schilder und Stefan Zweig schrieben über ihn. Der 75. Geburtstag war in dem Krisenjahr 1931. Die Wiener Kreditanstalt schloss ihre Türen 2 Tage später. Die Nazipartei wurde die zweitstärkste in Deutschland. Großvaters Krebs wurde immer schlimmer. Es war wirklich ein Geburtstag mit einem schwarzen Rahmen. Trotz der schlechten politischen Lage, oder vielleicht gerade deswegen, fand die Neue Freie Presse wiederum Platz, auf ihren Seiten den Großvater zu ehren. Professor Pötzl und Professor Gomperz hielten Festreden. Das Geburtstagskind hatte aber wegen einer Operation für 2 Wochen nicht essen können uns sah aus wie aus Bergen-Belsen. An seinen 80. Geburtstag 1936 hielt Thomas Mann eine Ansprache die ich mithörte. Leider war Großvater nicht mehr gesund genug, um teilnehmen zu können. Ich glaube dass er von der österreichischen Regierung ein Ehrenzeichen erwartete, wie zum Beispiel das "Österreichische Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft". Ernst Brücke, sein bewunderter ehemaliger Mentor und Lehrer war einst ein Empfänger dieser Auszeichnung. Aber das war zu viel verlangt von der strengkatholischen österreichischen Regierung. Der Ödipuskomplex und der Sohn Gottes passten nicht zusammen! Zu meinem 10. oder 11. Geburtstag bekam ich von Großvater eine Subskription für eine Zeitschrift die „Der gute Kamerad" hieß. Diese war sehr deutsch-völkisch eingestellt. Ich erinnere mich an Geschichten über den Sieg im Teutoburger Wald und die Hinrichtung von Indern druch Anbend an Kanonenrohre. Ich glaube das ist eine gute Gelegenheit etwas über die jüdische Bevölkerung von Wien zu sagen. 10% der Einwohner waren Juden. Viele von ihnen waren in den freien Berufen, Doktoren, Zahnärzte, Anwälte, Journalisten, andere wiederum waren im Bankwesen und in der Industrie beschäftigt , aber es gab auch Proletarier. Es bestand eine inoffizielle, aber nichtsdestoweniger sehr scharfe soziale Trennung zwischen Juden und Nichtjuden. Das Apartheid war so scharf wie in Südafrika vor Mandela, nur gab es dafür keine offiziellen Regeln oder Vorschriften, es war freiwillig von beiden Seiten. Wenn man über jemand unbekannten sprach, dann war die erste Frage immer: Jude oder Nicht-Jude? In den meisten Fällen war es ja eindeutig, die Zweifelfälle wurden sofort aufgeklärt. Großvater hat selbst berichtet, dass er kaum einen nicht-jüdischen österreichischen Freund oder Bekannten hatte. Seine arischen Freunde waren alle Ausländer wie Ludwig Binswanger, Oskar Pfister, Ernest Jones, die Prinzessin Bonaparte. Meiner Meinung nach legte Großvater einen so großen Wert auf Carl Jung, weil er der erste nicht-jüdische Anhänger der Psychoanalyse war, der sogenannte Paradegoi. Meine Erfahrung war dieselbe. Ich bin in Wien 11 Jahre in die Schule gegangen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei einem nicht-jüdischen Schulkollegen eingeladen gewesen zu sein oder einen solchen zu Hause eingeladen zu haben. Soweit ich weiß war ich niemals in einer Wiener nicht-jüdischen Wohnung. Ich war einmal mit meinem Vater Skilaufen auf der Schmittenhöhe. Dort trafen wir eine gleichaltrigen Mutter mit ihrer Tochter, mit der ich einen kleinen und ganz unschuldigen Flirt hatte. Das war so ungewöhnlich mit einen nicht-jüdischen Mädchen, dass ich mich jetzt, nach über 60 Jahren, noch an den Namen Falkensammer erinnern kann! Ich möchte aber betonen, dass ich mich kaum an einen persönlichen und öffentlichen Antisemitismus vor 1938 erinnern kann. Natürlich ist man dem aus dem Weg gegangen, man hat zum Beispiel nicht Lokale aufgesucht wo die Nazis sich versammelten. Fast alle unserer Klassenlehrer waren nach 1933 "illegale" Nazis, aber sie haben sich gegenüber ihren jüdischen Schülern meistens anständig benommen. Großvater hat fast 80 Jahre in Wien gelebt und hat nur von 2 oder 3 antisemitischen Anpöbeleien berichtet. Nur die Wiener Universität war eine Ausnahme, und mein Vater war einmal ein Opfer einer Messerstecherei. Die Apartheid in Afrika gab der nicht-weißen Bevölkerung ein Gefühl der Minderwertigkeit. Meiner Erfahrung nach hatten die Wiener Juden dies nicht. Im Gegenteil, sie fühlten sich als eine Elite und waren sehr stolz auf sich. Wenn man etwas Geld hatte, konnte man
vor 1938 in Österreich sehr gut leben, ob Jude oder Nicht-Jude. Ohne
Geld hat man aber gehungert! Die Landschaft war und ist noch wunderschön,
und die Vergnügungen waren billig. Es ist kein Wunder, dass der Großvater
dieses Land nur sehr unwillig verlassen hat. Nicht einmal der Autor der
"Traumdeutung" konnte es sich träumen lassen, was einmal dort geschehen
würde! |
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